Wie gelangt ein Sinfonieorchester auf Platz 1 der Liste der „Besten Orchester der Welt“ des renommierten britischen Gramophone Magazine? Sicher wäre niemand verwundert über die ersten drei Orchester auf der Liste des Gramophone. Die Berliner Philharmoniker, das Royal Concertgebouw Orchestra und die Wiener Philharmoniker verteidigen bereits seit Jahren ihren jeweiligen Platz in der Spitzengruppe. Doch für die Liebhaber des RCO ist die Wahl der angesehenen Schar von Musikkritikern aus der ganzen Welt einleuchtend, wie sehr sie auch zweifellos von Liebhabern der „beiden anderen“ kritisiert wird. Doch ich will versuchen, die richtigen Argumente zu finden. Zu allererst hat das RCO den großen Vorteil, seine eigene Spielstätte in einem der Konzertsäle mit dem besten Klang in der gesamten Welt der klassischen Musik zu besitzen, nämlich im Amsterdamer Concertgebouw. Wegen ihrer hoch geschätzten Akustik und ihrem Design gilt diese Spielstätte von Weltklasse (gegründet 1888) neben der Bostoner Symphony Hall und dem Wiener Musikverein als einer der besten Konzertsäle der Welt. Und es stimmt wohl, dass sich ein gutes Orchester nur dann zu einem großartigen entwickeln kann, wenn es umgeben von fantastischer Akustik proben und arbeiten kann.
Doch das kann nicht der einzige Grund sein für die Verleihung des begehrten Titels „Bestes Orchester der Welt“. Hören wir doch einmal, was Gramophone zu sagen hat: „Die gefeierten Ensembles auf unserer Liste stehen für den Triumph des ‚Charakters’ in Orchestern. Viel zu viele Orchester haben heutzutage einen einheitlichen, glatten, jedoch generalisierten Klang, während das Concertgebouw (Nr. 1) eines der letzten ist, das über einen sofort erkennbaren Klang verfügt, und das den Charakter von Komponisten ebenso auslotet, wie es ein Schauspieler mit seinen Rollen tut.“ Es hat also etwas zu tun mit Charakter, Klang, und der Art und Weise, wie Orchester dem Werk eines Komponisten dienen. Ich bin der festen Ansicht, dass diese drei Faktoren das Ergebnis von 120 Jahren harter Arbeit sowohl großer Chefdirigenten als auch eines hervorragenden Ensembles von Spitzenmusikern ist. Und tatsächlich ist das RCO eines der wenigen Orchester, die man mit geschlossenen Augen leicht erkennt.
Die Tatsache, dass das RCO sechs (ja, nur sechs!) völlig unterschiedliche Chefdirigenten in den 120 Jahren seines Bestehens hatte, ist für mich ein Schlüsselfaktor für seinen einzigartigen Klang und Charakter. Willem Kes, Willem Mengelberg, Eduard van Beinum, Bernard Haitink, Riccardo Chailly und jetzt Mariss Jansons haben ihr Orchester tagein, tagaus durch Proben, Konzerte, Tourneen, Tonaufnahmen und Projekte geführt, ausgebildet, inspiriert und geformt; stets angeregt von der großartigen Akustik ihres Saales. Diese sechs meisterlichen Dirigenten haben jeweils etwas Besonderes eingebracht. Sie hatten alle ihre Vorlieben – ihre eigene Vorstellung von Klang, Rhythmus, Stil und Färbung. Sie trafen bei den Vorspielen die richtige Wahl für neue, hervorragende Orchestermitglieder. Und darüber hinaus prägte die Tatsache, dass das RCO mit Mahler und Strauss arbeitete, die viele Jahre lang ihre Werke dirigierten, der Marke des Orchesters einen unauslöschlichen Stempel auf.
Eine Analyse des Klanges und Charakters des Royal Concertgebouw Orchestra ist ein beinahe unlösbares Unterfangen. Der schlanke, zarte, warme Silberklang der Streicher ist berühmt. Das Blech ist hell, kraftvoll und kultiviert, und die Holzbläser sind äußerst elegant, mit vollem Klang und als Ensembleeinheit einzigartig. Vor allem ist es jedoch der Charakter des Concertgebouw Orchestra, der es von anderen abhebt. Dirigenten beschreiben diesen oft als „holländische Kreativität“, oder mit den Worten des Dirigenten Ivan Fisher: „Das persönliche Engagement der Musiker, ihre Vorstellungskraft, Intuition und die Fähigkeit, Risiken einzugehen, machen ein großartiges Orchester zu dem, was es ist: eine Gruppe schöpferischer Künstler.
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1888-1895 Willem Kes
Der wahre Vater des RCO ist Willem Kes. Er war dessen erster Leiter nach der Gründung des so genannten Concertgebouw Orkest Ende der Achtzigerjahre des 19. Jahrhunderts. Wir wissen im Grunde nichts über die Qualität des Ensembles in dieser Zeit. Und nach nur 7 Jahren verließ Kes das Orchester, um eine „bessere“ Tätigkeit aufzunehmen. Hätte er gewusst, was unter der Leitung seines Nachfolgers geschehen sollte, hätte Willem Kes möglicherweise eine andere Entscheidung getroffen. Bald nachdem er den Dirigentenstab 1895 an den jungen Dirigenten und Pianisten Willem Mengelberg übergeben hatte, begann sich alles sehr schnell zu ändern.
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1895-1945 Willem Mengelberg
Mengelberg prägte das Orchester unmittelbar und machte das RCO binnen zehn Jahren zu einem der weltbesten Orchester. Er stellte nicht nur Aufsehen erregende Programme auf (wie das Mahler Festival 1920, bei dem sämtliche Werke Mahlers innerhalb von zwei Wochen aufgeführt wurden), sondern lud auch die besten Gastdirigenten und Komponisten für sein Concertgebouw Orchestra ein. Zu diesen Gästen gehörten Stars wie Pierre Monteux, Bruno Walter, Karl Muck und Eugen Jochem. Seine besondere Beziehung zu Gustav Mahler und Richard Strauss spielte eine Schlüsselrolle für das Image des Orchesters, was seit damals bis heute gilt. Außerdem verfügen wir mit Mengelberg über den ersten hörbaren Beweis für die Klangqualität des Orchesters, die ihresgleichen sucht. Der öffentliche niederländische Sender AVRO zeichnete den größten Teil des Wirkens des Orchesters auf, einschließlich zweier Lieblingswerke von Mengelberg: Mahlers Vierte Sinfonie und die Matthäuspassion von J. S. Bach. Ein halbes Jahrhundert lang formte Mengelberg das Orchester, kreierte dessen himmlischen Klang und regte seine Musiker dazu an, ihr schöpferisch Bestes zu geben. Aufgrund seiner kontroversen Rolle während des Krieges erhielt Mengelberg Dirigierverbot, und er verbrachte bizarrerweise die Zeit bis zu seinem Tod im Jahr 1951 als Einsiedler in der Schweiz.
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1945-1959 Eduard van Beinum
Nach 1945 setzte der niederländische Dirigent Eduard van Beinum die Tradition der Pflege der Stärken des Orchesters fort, indem er Komponisten der Romantik und besonders der Spätromantik aufführte, wie eben Mahler und Strauss. Er begründete die jahrelange Beziehung zur Schallplattenfirma Philips. Van Beinum verstarb jedoch plötzlich und viel zu früh im April 1959 am Pult seines geliebten Concertgebouw an einem tödlichen Herzinfarkt.
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1961 - 1988 Bernard Haitink
Für den jungen Bernard Haitink fand bereits sein Debüt beim Concertgebouw Orchestra 1956 viel zu früh statt. Drei Jahre später kam für diesen begnadeten Chefdirigenten der Niederländischen Radiophilharmonie die Einladung, Erster Dirigent des RCO zu werden, völlig unerwartet. Kurz danach wurde ihm der Posten des Chefdirigenten angeboten. Der relativ unerfahrene Haitink hatte die große Chance, sich gemeinsam mit dem Orchester zu entwickeln. Im folgenden Vierteljahrhundert baute er nicht nur die Qualität und den Klang seines Ensembles weiter auf; unter seiner künstlerischen Leitung wuchs außerdem das Medienprofil eindrucksvoll an, denn es entstanden Hunderte von Aufnahmen für Philips, EMI und Columbia, und es wurden die Weihnachtsmatineen ins Leben gerufen, die Millionen Begeisterter auf der ganzen Welt über die Sendungen der Eurovisie Television erreichten. In dieser Zeit wurde das Royal Concertgebouw Orchestra zu einem der gefragtesten Tourneeorchester mit einer großen Anhängerschar in den Ländern Amerikas und Asien.
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1988 – 2004 Riccardo Chailly
Mit dem Nachfolger Bernard Haitinks kam der erste Nicht-Niederländer zum Orchester. Riccardo Chailly nahm das Orchester mit nur einem Programm als Gastdirigent für sich ein. Unter seiner Leitung erreichte das RCO ein noch höheres Niveau, denn es wurde durch ihn flexibler und virtuoser. Viele neue Komponisten wurden in das Repertoire aufgenommen, wie Strawinsky, Varèse, Hindemith, sowie viele italienische (meist Opern-)Partituren. Er verlieh dem Orchester einen leicht italienischen Anstrich und trug gleichzeitig zur Jahrhunderte alten Tradition bei, indem er viele Bruckner-Werke und (wie Mengelberg und Haitink) einen ganzen Mahler-Zyklus dirigierte. Mit seinen zahllosen CDs, TV-Ausstrahlungen und -Porträts war Chailly ein medienwirksamer Dirigent und hinterließ aus dieser Zeit ein wunderbares Erbe.
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2004 – now Mariss Jansons
Für die Mitglieder des RCO war die Wahl des lettischen Stardirigenten Mariss Jansons eine einfache und klare Angelegenheit. Seit 1988 gibt es eine sehr starke Beziehung zwischen beiden, und als eine völlig andere Persönlichkeit als Chailly und Haitink war Jansons die ideale Wahl, um ein neues Kapitel in der langen Tradition des RCO, „immer noch besser zu werden“, zu beginnen. Unter Jansons spielt das Orchester jetzt ein volles Programm in seiner Heimatstadt Amsterdam und fliegt immer noch zu jedem größeren Festival- und Konzertort auf der ganzen Welt, wobei auch noch Dutzende neuer Aufnahmen jährlich für das eigene Label RCO Live entstehen. Für das RCO, das derzeit „beste Orchester der Welt", ist die Zukunft tatsächlich hell.
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